Frankfurt 2042 – Band 1
Der Tatort
Die Tür war schon offen, als Ray ankam. Eingetreten, das Schloss aus dem Rahmen — ein Tritt, saubere Arbeit. Er blieb im Flur stehen und lauschte. Regen gegen Glas. Darunter, gedämpft, die Stadt, die sich auf Mitternacht zufeierte. Sonst nichts.
Drinnen war es dunkel. Nur die Geräte-LEDs: Standby-Dioden an Rechnern, der grüne Puls einer Smart-Home-Konsole, ein Router, der stur weiterblinkte. Die Wohnung roch nach kaltem Kaffee und heißem Staub.
Die Balkontür stand einen Spalt offen.
Die Frau lag auf dem Balkon. Auf der Seite, ein Arm unter dem Körper. Der Regen hatte ihre Kleidung dunkel gefärbt. Das Blut lief mit dem Wasser in die Fugen der Bodenplatten. Unten zählte jemand grölend rückwärts.
Ray ging in die Hocke. Keine Atmung. Keine Reaktion auf Ansprache. Die Halsschlagader still.
Shit, dachte Ray. Diese Kundin wird wohl nicht mehr zahlen.
Ihr Gesicht kannte er nicht. Er konnte es nicht kennen: Eine Nanomaske lag darüber, halb abgerissen, an der Schläfe in tote Fäden aufgelöst. Was darunter lag, war glatt und falsch. Wer immer sie gewesen war — sie hatte nicht gefunden werden wollen. Nicht von Kameras. Vielleicht von niemandem.
Das Sirren hörte er zu spät. Es lag unter dem Regen, dünn und hoch, wie Moskitos. Dann sah er sie: Punkte gegen das Stadtlicht, zu präzise für Insekten, ein Schwarm im Anflug auf den Balkon. Mikrodrohnen. Ray kannte den Typ. Er kannte auch, was danach kam.
Der Blitz kam aus der Wohnung.
Ein einziger heller Schlag. Der Schwarm zischte auf, trudelte, fiel. Eine der Drohnen schlug neben der Toten auf und blieb liegen.
Wir haben nicht viel Zeit.
Die Stimme kam nicht aus der Wohnung. Sie kam von innen — über das Implantat. Über den Kanal, der seit Jahren tot war. Ray hatte vergessen, wie sich das anfühlte: ein Satz, der einfach im Kopf steht, ohne den Umweg über die Ohren.
Er drehte sich um.
Aus dem Schatten der Wohnung trat ein Hund. Er bewegte sich falsch für einen Hund und richtig für etwas, das man aus einem Hund gemacht hatte — ruhig, ökonomisch, keine Bewegung zu viel. Zwei Augen fingen das wenige Licht. Bernstein.
Einsatzkräfte sind unterwegs, sagte die Stimme in Rays Kopf, während der Hund an der Toten vorbeisah wie an einer erledigten Aufgabe. Wir müssen uns beeilen.
Unten erreichte der Countdown die Null. Die Stadt jubelte. Der Regen fiel.
Ich habe einen Fluchtweg mit der größten Erfolgswahrscheinlichkeit erarbeitet. Folge mir.